Patenschaft32 bearbeitetSchloß Neuhaus/Warstein. Der Bürger-Schützen-Verein Schloß Neuhaus setzt ein besonderes Zeichen der Erinnerungskultur. Oberst Michael Pavlicic hatte im Vorstand angeregt, sich speziell mit den schrecklichen Verbrechen im Rahmen der Euthanasie in der Zeit des Nationalsozialismus auseinander zu setzen. Dem folgte am vergangenen Wochenende eine herausragende Aktion mit bedeutendem Symbolcharakter. Eine große rund 40-köpfige Abordnung aus Vertretern des Vorstandes, der vier Kompanien der Bruderschaft und dem Hofstaat mit dem Königspaar Raimund und Petra Voss an der Spitze besuchte am Samstag gemeinsam mit dem Regionalpräsidenten der Europäischen Gemeinschaft Historischer Schützen, Bernhard Adams aus Rüthen, die LWL-Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Warstein. Auf deren Gelände befindet sich die Treisekapelle, ein Mahnmal für die Warsteiner Opfer der Euthanasie. Zwischen 1940 und 1943 wurden insgesamt 1575 Kranke aus der Klinik in Warstein deportiert und fanden nach ihrer Verlegung den sicheren Tod. Für sechs von den Nazis ermordete Menschen – allesamt aus dem Kreis Paderborn – übernahm der Bürger-Schützen-Verein jetzt eine symbolische Patenschaft.


Der Beginn des 2. Weltkriegs war auch ein schlimmer Wendepunkt für viele Kranke und Behinderte. Der sogenannte Euthanasie-Erlass des Führers eröffnete das sogenannte „Mordprogramm T4“. Alles lief unter dem Begriff „Euthanasie“, was aus griechischer Übersetzung so viel heißt wie „der sanfte Tod“. Dieses Mordprogramm richtete sich gegen Kinder, Frauen und Männer mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen, die – der Rassen-Ideologie der NS folgend – als „lebensunwert“ galten. „Ihre Beseitigung aus der Volksgemeinschaft“ durch ihre Tötung war das erklärte Ziel der nationalsozialistischen Machthaber. Das staatlich gelenkte Mordprogramm brachte mehr als 300.000 kranken und behinderten Menschen den qualvollen, sicheren Tod. Sie mussten sterben durch Gas, durch gezielte Unterernährung, durch gezielte Vernachlässigung der Pflege und Versorgung oder durch heimtückische Verabreichung von Gift in Speisen und Getränken. 1575 Opfer kamen aus Warstein. Jeder Name dieser Opfer ist auf einer in der Gedenkstätte Treisekapelle installierten eisernen Tafel eingraviert. Die gesamte Tafel ist hinterleuchtet und ein Name erscheint in diesem Licht, sobald eine lichtdurchlässige Skulptur mit gleicher Namensgravur abgenommen und „Namenspaten“ überreicht wird.
Der Klinik und der Gedenkstätte ist ein Museum angeschlossen. Dessen Leiter Helmut Monzlinger, der die Gäste begrüßte und umfassend informierte, übergab Urkunden über die sechs Patenschaften, die in der Heimatstube im Schloss ihren Platz finden. Ab sofort soll auch hier den Opfern der Euthanasie gedacht werden können. „Diese können in dieser Symbolik nachträglich eine persönliche Wertschätzung, des Gedenkens und der Beheimatung bekommen. Wir bedanken uns für die Bereitschaft, in dieser besonderen Form der Opfer zu gedenken“, so Monzlinger an die Adresse der Neuhäuser Gäste, und wies darauf hin, dass auch weitere Patenschaften möglich sind.
„Für mich bedeutet Erinnerungskultur den Umgang des Einzelnen und der Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit und ihrer Geschichte. Ich bin dankbar, dass sich unsere Mitglieder mit dieser schrecklichen Phase deutscher Geschichte auseinandersetzen“, sagte Oberst Pavlicic in seiner Ansprache. Dieser hatte in seiner Funktion als Vizepräsident der Landschaftsversammlung die Gedenkstätte am Totensonntag 2012 eingeweiht. Ein Aufenthalt, der im Gedächtnis haften blieb und die Überzeugung schärfte, mit der Neuhäuser Schützenbruderschaft eine Patenschaft anzustreben.
Lob erhielten die Schützen auch von einem Neuhäuser Mitbürger. Dr. Stefan Kühnhold ist Chefarzt der Abteilung Suchtmedizin und ließ es sich nicht nehmen, die Gäste aus seinem Heimat-Ortsteil für die Geschäftsführung der Warsteiner Klinik willkommen zu heißen.